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literatur

Cover für „Nussschale“ von Ian McEwan

Nussschale

Ian McEwan

Claudius tötet seinen Bruder, um statt seiner König von Dänemark zu werden und seine Schwägerin Gertrude zu heiraten. Hamlet, der junge Prinz, will den Vatermord rächen, doch er sinniert zaudernd und zögern über seinen Zustand und den der Welt. O Gott, ich könnte in eine Nußschale eingesperrt sein und mich für einen König von unermeßlichem Gebiete halten, wenn nur meine bösen Träume nicht wären.

Die Nussschale des namenlosen Helden in Ian McEwans neuesten Roman ist die Gebärmutter von Trudy. Ihr Sohn, bereits kopfüber und der beengten Verhältnisse 14 Tage vor seinem errechneten Geburtstermin mitunter überdrüssig, monologisiert über die Vollmundigkeit eines durch die Plazenta dekantierten Pinot Noir ebenso, wie über den Zustand Europas in Zeiten der Flüchtlingskrise. Er ist bestens informiert, denn Trudy trinkt nicht nur – trotz Schwangerschaft – gerne und viel Wein, sondern ist auch leidenschaftliche Radiohörerin.

Nichts bleibt dem sensiblen Ohr des Ungeborenen verborgen. So weiß er auch, dass Trudy vom Kindsvater getrennt lebt und in dessen zwar heruntergekommenen aber auf dem Londoner Immobilienmarkt überaus wertvollen Haus wohnt. Sie ist mit Claude zusammen, ihrem Schwager, mit dem sie nicht nur – sehr zum Leidwesen des Kindes – das Bett teilt, sondern auch die Pläne für einen Mord. Gemeinsam wollen sie Ehemann und Bruder aus dem Weg schaffen.

Den Vatermord zu verhindern gelingt dem, wegen seines pränatalen Zustands zur Untätigkeit verdammten Helden nicht, ihn aber zu rächen schon: mit dem Entschluss, vorzeitig zur Welt zu kommen.

Ian McEwans Hamlet-Baby ist altklug und egozentrisch, keineswegs ein Sympathieträger. Doch sein Monolog ist so ironisch, distanziert, böse und sarkastisch und seine Perspektive so ungewöhnlich, dass dessen Lektüre – besonders Fans von frühen Roman McEwans, wie etwa „Zementgarten“ oder „Amsterdam“ - sehr großen Spaß macht.

Erschienen bei Diogenes / 22,00 €

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