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literatur

Cover für „Nora Webster“ von Colm Tóibín

Nora Webster

Colm Tóibín

Nora Websters Ehemann ist bereits seit einem halben Jahr tot, und noch immer erhält sie mehrmals in der Woche Kondolenzbesuche. Diese dienen nicht immer nur dem Ausdruck von Mitgefühl und Anteilnahme. Manchmal entspringen sie purer Neugierde. Eine Witwe mit vier Kindern unterliegt in der irischen Provinz der späten sechziger Jahre durchaus einer gewissen gesellschaftlichen Kontrolle.

Dagegen zu rebellieren hat Nora zunächst nicht die Energie. Zu tief ist die Trauer über Maurice Tod. Zu groß scheinen die Aufgaben, die nun vor ihr liegen. Die beiden fast erwachsenen Töchter bedürfen der finanziellen Unterstützung während der Ausbildung, den zwei heranwachsenden Söhnen fehlt der Vater. Die Witwenrente ist gering und die finanziellen Reserven sind verbraucht. Der Verkauf des Ferienhauses am Meer bringt zwar ein bisschen was ein, aber Nora muss wieder als Büroangestellte arbeiten gehen.

Sie hatte ihr Dasein als Mutter und Hausfrau immer als einen Zustand empfunden, der ihr viele Freiräume lies: über ihren Tagesablauf und Arbeitsrhythmus selbst zu bestimmen, sich am helllichten Tag in den Sessel zu setzten um ein Buch zu lesen. Dies scheint nun im langweiligen Büroalltag nicht mehr möglich.

Mehr und mehr beginnt sie, sich gegen die Ansprüche ihrer Familie, gegen die Gängelung durch die Vorgesetzten und die soziale Kontrolle der Nachbarn zur Wehr zu setzen. Dabei sind es die kleinen Dinge, die ihre emanzipatorische Wirkung entfalten. Das Färben der Haare in einem Farbton, der niemals der eigene war. Das Tragen bunter Kleider vor Ablauf des Trauerjahrs. Die Ironie, mit der sie den kollerischen Ausbrüchen ihrer Chefin begegnet. Sie nimmt Gesangstunden, fliegt nach Spanien in Urlaub und tritt der Gewerkschaft bei.

Im Laufe von drei Jahren scheint Nora sich selbst zu verwirklichen. Jedoch hinterfragt sie sich, überaus intelligent und reflektiert, fortwährend selbst. Sie spürt, dass ihre Söhne ihr entgleiten, sie sie nicht mehr erziehen sondern nur noch begleiten kann. Und nicht selten fragt sie sich, was wohl Maurice nun sagen würde. Denn so sehr sie ihr Leben in die Hand nimmt und sich Freiräume erobert – sogar beginnt, die Wohnung zu renovieren – Maurice Kleider hängen immer noch unberührt im Schrank.

Colm Tóibín erzählt unaufgeregt und wunderbar formuliert die Geschichte einer Emanzipation. Dabei geht es vor dem Hintergrund der großen gesellschaftlichen Umwälzungen nicht um die Selbstverwirklichung im feministischen Sinne. Vielmehr beschreibt er, psychologisch genau beobachtend, die tastende und ambivalente Suche nach einem eigenständigen Weg in Zeiten tiefer Trauer.

Erschienen bei Hanser / 26,00 €

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