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literatur

Cover für „Cherryman jagt Mr. White“ von Jakob Arjouni

Cherryman jagt Mr. White

Jakob Arjouni

Rick ist 18 Jahre alt. Seit seinem Realschulabschluss sucht er vergeblich einen Ausbildungsplatz als Gärtner. Die im Überfluss vorhandene Zeit verbringt er damit, den Garten von Tante Bambusch, bei der er seit dem Unfalltod seiner Eltern aufgewachsen ist, in Schuss zu halten, Comics zu zeichnen und den Jungs aus dem Weg zu gehen.

Mario und seine Kumpel, mit denen Rick bereits in den Kindergarten des brandenburgischen Provinzkaffs ging, lungern tagein tagaus auf dem Parkplatz des Supermarkts herum, pöbeln Passanten an, finanzieren ihr Bier durch Schutzgelderpressungen und machen aus ihrer nationalen Gesinnung keinen Hehl. Rick möchte mit ihnen nichts zu tun haben. Aber gerade sie sind es, die ihm eine Lehrstelle in seinen Traumberuf vermitteln.

Dass der Chef der Gärtnerei in Berlin Mitglied der „Heimatfront“ ist, einer angeblich gewaltfreien Organisation, die lediglich durch Propaganda „aufklären“ möchte, kann Rick zunächst verschmerzen. Und dass er während seiner Arbeitseinsätze in einem Park den benachbarten, unter Polizeischutz stehenden jüdischen Kindergarten ausspionieren soll, versucht er durch das Berichten von Belanglosigkeiten abzumildern. Doch der Druck der Neonazis wächst enorm. Die Bedrohung, was seiner Tante und seiner Freundin zustoßen könnte, ist für Rick real, seit er mit ansehen musste, was seiner Katze geschah.

Der Leser weiß bereits zu Anfang des schmalen Romans, der ein Bericht des inhaftierten Rick an den Gefängnispsychologen ist, dass es diesem nicht gelingen wird auszusteigen. Und doch sucht man beim Lesen fieberhaft nach dem Moment, in dem Rick hätte anders handeln können. Aber die Gewaltspirale ist kaum mehr aufzuhalten und endet in einem Exzess von Selbstjustiz, als Rick erkennt, dass er als vermeintlicher Selbstmordattentäter für einen Sprengstoffanschlag auf den Kindergarten missbraucht werden soll.

Jakob Arjounis Roman entfaltet eine ungeheure Sogwirkung. Seine Figuren sind schmerzhaft genau gezeichnet, die Dialoge sitzen. Und er provoziert. Man kann ihm aus dem Schutz der eigenen gutbürgerlichen Behaglichkeit heraus Klischeehaftigkeit vorwerfen. Oder es beschleicht einen das ungute Gefühl, dass er mit seinem Klischee einer verlorenen Generation in der ostdeutschen Provinz den Realitäten unserer Gesellschaft näher kommt, als einem lieb ist.

Erschienen bei Diogenes Taschenbuch / 10,00 €

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